Das Klassenzimmer im Freien der Freien Waldorfschule Rottweil

Sauberen Strom aus dem „eigenen“ Kraftwerk – das hat nicht jede Schule. Die Freie Waldorfschule Rottweil jedoch genießt dieses Privileg, das ohne eine engagierte Elternschaft so nicht existieren würde. Direkt am Neckar und in der Nähe der Schule gelegen befindet sich das Wasserkraftwerk Lumpenmühle, das in den letzten Jahren aus einem Dornröschenschlaf erweckt wurde.  

Zwei Väter aus der Elternschaft der Freien Waldorfschule Rottweil setzten die Lumpenmühle, die viele Jahre stillgelegt war, mit viel Zeit, hohen finanziellen Mitteln, persönlichem Engagement, Idealismus, Enthusiasmus und Durchhaltevermögen instand. Dank einer neuen 45 kW-Turbine wurde eine leistungsstarke Reaktivierung erzielt, die produzierte Strommenge wird in das Stromnetz eingespeist. Gegengerechnet entspricht die Strommenge etwa derer, die für die Pumpen des Wärmetauschers mit Tiefenbrunnen benötigt wird, der die komplette Schule mit regenerativer Heizenergie versorgt.

Doch auf der kleinen Neckarinsel, die das Kraftwerk beherbergt, wird nicht „einfach nur“ Strom erzeugt. Der Förderverein der Freien Waldorfschule Rottweil entwickelte in Zusammenarbeit mit den Kraftwerksbetreibern das Konzept des „Klassenzimmer im Freien“, in dem Energieerzeugung greifbar wird.

Im Klassenzimmer im Freien soll für Kinder, Jugendliche und Erwachsene die komplexe wechselseitige Abhängigkeit von Mensch, Natur und Umwelt hautnah erfahrbar und nachhaltige Energiegewinnung durch erneuerbare Energiequellen sicht- und erlebbar werden. Dabei ist das Klassenzimmer nicht „abgeschlossen“: Es ist ein „offenes“ Klassenzimmer, das nicht nur von Schülerinnen und Schülern der Waldorfschule, sondern auch von Lernenden anderer Schulen, Bildungseinrichtungen und sogar Kindergärten zur naturnahen, alle Sinne ansprechenden Wissensvermittlung genutzt werden kann.

Neben der puren Wissensvermittlung kommt auch ein gewisser Wohlfühlfaktor an der Lumpenmühle nicht zu kurz: Im Winter heizen die Mitglieder des Fördervereins für ihre Gäste ein Lagerfeuer an und betreuen sie mit Punsch, saisonalem Obst und Keksen. Im Sommer kann man sich nach vielfältigen Lernerfahrungen und Eindrücken nicht nur durch vom Förderverein bereitgestellte kühle Getränke, sondern auch durch ein erfrischendes Bad im Neckar Abkühlung verschaffen.

Die Mitglieder des Fördervereins der Freien Waldorfschule Rottweil koordinieren und betreuen die pädagogischen Aktivitäten auf dem Wasserkraftwerksgelände und im Turbinenhaus ehrenamtlich und voller Begeisterung. Sie unterstützen darüber hinaus die Kraftwerksbetreiber bei der Instandhaltung und Pflege der Anlage. Wenn z. B. nach einem Hochwasser die Fischtreppe durch angeschwemmtes Gerümpel so verstopft ist, dass es weder für die Fische noch für das Wasser ein Durchkommen gibt, greifen sie zu Kettensägen, Enterhaken und Seilen, um den Unrat beiseite zu schaffen, und stürzen sich förmlich in die Fluten.

An der Freien Waldorfschule Rottweil werden die Kinder schon früh an klassische Handwerkstätigkeiten herangeführt. Im Klassenzimmer im Freien am Wasserkraftwerk Lumpenmühle lernen alle von klein auf, wie eine Turbine durch Wasserkraft angetrieben wird, wie man den Wasserstand am Wehr reguliert und – ganz praktisch – wie man den Mühlenkanal von Unrat freihält. Durch dieses Tun können schon die ganz Kleinen mithelfen, die Stromerzeugung am Wasserkraftwerk Lumpenmühle zu unterstützen. Denn nur, wenn das Wasser im Mühlenkanal frei und ungebremst fließen kann, erreicht die Turbine ihre Höchstleistung. Wenn die Schülerinnen und Schüler dann den Lichtschalter im Klassenzimmer betätigen und das Licht angeht, schließt sich der Kreis. Sie wissen, woher „ihr“ Strom kommt, der ist nämlich „selbstgemacht“.